Télécran 12/2026

Mit 75 Jahren noch süchtig nach Technik

Der Mann hinter der Lernplattform “KI Léierbud”

Dieser Luxemburger arbeitete schon vor 50 Jahren an einem KI-Projekt

Marco Barnig ist mit seinen 75 Jahren Technik-interessierter als so mancher Gen-Zler und hat mit der „KI Léierbud“ ein Onlineprojekt ins Leben gerufen, dass vorsichtig an das Hype-Thema Künstliche Intelligenz heranführt.

Als Marco Barnig das Redaktionsgebäude betritt, erfüllt er die Räumlichkeiten sofort mit einer beinahe kindlichen Begeisterung. Aus seiner Aktentasche zieht er ein Sammelsurium an vorbereiteten Notizen, Zeichnungen und Dokumenten, setzt sich anschließend hin und beginnt zu erzählen, noch bevor die erste Frage zum eigentlichen Thema gestellt ist. Marco Barnig ist 75 Jahre alt und nach eigener Aussage „süchtig nach Wissenschaft und neuen Technologien“, wie er in einem alten Interview mit dem „Luxemburger Wort“verriet. Dies treffe immer noch zu, das Thema, vor allem auch die immer größer werdende Künstliche Intelligenz, lasse ihn einfach nicht los. 

Nun will er mit dem Onlineprojekt „KI Léierbud“ aktiv mithelfen, KI noch gesellschaftsfähiger zu machen und auch weniger Computer-affine Mitbürger an die neue digitale Realität heranzuführen, ganz egal ob jung oder alt. „Es ist ein bisschen, wie am Anfang vom Internet“, so Barnig. „Aber KI ist stärker und noch schneller. Ich sehe das insgesamt euophorisch und konzentriere mich auf das Positive. Ich sehe eher eine Bereicherung. Wenn es die Menschen vernünftig anwenden, sehe ich da ganz viele Vorteile.“

Für den 75-Jährigen ist Künstliche Intelligenz schon seit rund 50 Jahren ein Thema. „Schon in meiner Kindheit wollte ich Ingenieur werden. Ich wollte unbedingt etwas erfinden oder etwas bauen“, erzählt er gleich zu Beginn. Mit 18 Jahren ging es für den Luxemburger an die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich, wo er vier Jahre studierte und anschließend fünf Jahre in der Forschung tätig war. „Das war gerade die Zeit, als der erste Mikroprozessor erfunden wurde“, erzählt Barnig mit einem Leuchten in den Augen. „Wir haben damals dann Mikrocomputer mit den ersten Mikroprozessoren für den Lernbetrieb gebaut.“

Erstes KI-Projekt in den 1970er Jahren

In der Zeit arbeitete Barnig mit dem Mikroprozessor auch an einer Maschine, gegen die man Mühle spielen konnte. „Das war sozusagen mein erstes KI-Projekt. Es war ein Anfang von Künstlicher Intelligenz.“ Darüberhinaus betreute der Luxemburger ein Studentenprojekt zur Sprachsynthese. „Am Ende konnte das System dann einen Satz sprechen: Ich bin ein Computer. Sprachsynthese und Sprachererkennung waren meine zwei Anfangsthemen, die mich dann auch bis heute begeistern“, so der 75-Jährige.


KI ist älter, als man denkt

Viele Menschen beschäftigen sich erst seit dem Release von ChatGPT im Jahr 2022 mit Künstlicher Intelligenz. Doch die Ursprünge derartiger Systeme gehen über 70 Jahre zurück. Als einer der Gründungsmomente gilt der vom britischen Mathematiker und Informatiger Alan Turing entwickelte Turing-Test im Jahr 1950. Dieser sollte bewerten, ob eine Maschine in einer Konversation von einem Menschen unterschieden werden kann.

Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ wurde im Jahr 1955 von John McCarthy eingeführt, der mit einer kleinen Gruppe von Forschern die Möglichkeiten untersuchen wollte, eine Maschine zur Simulation menschlicher Intelligenz zu entwickeln. Dabei wurden Systeme erdacht, die sich nach expliziten, logischen Regeln richten. Man spricht von einer Entscheidungs-KI.

In den 1960er-Jahren entstand die Idee einer Wahrnehmungs-KI, die darauf abzielte, dass Maschinen die sensorische Welt erfassen, verstehen und interpretieren lernen. Beispiele hierfür sind die optische Zeichenerkennung, wie es sie heutzutage an Selbstbedienungskassen in Supermärkten gibt.

Nach den Optimismus der ersten Jahre, folgte von 1974 bis 1980 der erste KI-Winter, in dem bei der KI-Forschung eine Stagnation einsetzte. In den 1980er Jahren rückte die analytische KI in den Vordergrund, die Datensätze analysieren und auf der Basis Vorhersagen treffen sollte. Auf die Idee folgte der zweite KI-Winter (1987 bis 1993), der dann von interaktiver KI beendet wurde. Diese versucht mit dem Menschen zu interagieren und ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu Sprachassistenten wie Apple, Alexa oder dem Google Assistant.

Bei der Robotischen KI wird Künstliche Intelligenz mit physischen Robotersystemen verknüpft, wie beispielsweise bei Sonys Roboterhund AIBO, der im Jahr 1999 sogar in den kommerziellen Verkauf ging. In den letzten Jahren sorgt vor allem die kreative KI (auch generative KI) für Aufsehen, die in der Lage ist, neue Inhalte auf Basis von Mustern, die aus großen Datensätzen gelernt wurden, zu erzeugen. In Luxemburg gibt es mit LetzAI eine Pionierplattform, die sich auf die Generierung von Bildern und Videos spezialisiert hat. 

In Zukunft werden agentische KIs wichtig werden, die autonom handeln können, um komplexe, mehrstufige Ziele zu erreichen. Auch die Möglichkeit, dass KI künftig eine Art Bewusstsein entwickeln könnte, ist nicht auszuschließen.


Barnigs weiterer Werdegang führte ihn von der Schweiz zurück ins Großherzogtum, wo er in verschiedenen Sparten der POST Luxembourg an der Einführung neuer Technologien beteiligt war und in den letzten fünf Jahren vor seiner Pension die Privatisierung begleitete. „Seit meiner Pension im Jahr 2013 habe ich 100 Prozent Freizeit für neue Technologien“, grinst Barnig fast spitzbübisch. Seit dem arbeitet er an Web-Projekten und Büchern und besucht KI-Konferenzen. Vor zwei Jahren veröffentlichte er zudem ein Herzensprojekt.

„Als Chat-GPT rauskam, habe ich mein Buch „Les Jeunes Explorateurs“ komplett mithilfe der KI geschrieben“, erzählt Marco Barnig. Die künstliche Intelligenz hat das komplette Werk erstellt, was damit in Luxemburg als erstes Buch, das komplett von einer Maschine kreiert wurde, in die Geschichte eingeht. Darin sind Barnigs fünf Enkelkinder auf einer fiktiven Reise zu den UNESCO-Weltkulturerben. Drei Tage lang rechnete die KI an dem Werk, was mit einem umfassenden Erstellungsprotokoll von dem Luxemburger in Auftrag gegeben worden war. „Mein Ziel war es, den Stand der Technik im Bereich der künstlichen Intelligenz zu Beginn des Jahres 2024 darzustellen, ohne dabei die Erzählung zu überarbeiten“, so Barnig in einem „Luxemburger Wort“-Interview vom April 2024.

Ein Opa mit Studentenprojekt

Bei einer Konferenz im gleichen Jahr beteiligt sich Barnig an einem Wettbewerb, der eigentlich nur für Studenten gedacht war. „Ich hatte mir da erlaubt, als Opa auch ein Projekt einzureichen und das wurde mit viel Humor genommen und hat viel Beifall ausgelöst.“ Fairerweise gewann der 75-Jährige nicht, weckte aber die Neugier beim Digitalministerium und durfte die Idee für die „KI Léierbud“ zusammen mit Misch Strotz von LetzAI und der Firma Visual Online im Rahmen des Nationalen Aktionsplans für digitale Inklusion einreichen und konnte dann letztendlich im Juli 2025 ganz offiziell an den Start gehen.

Die „KI Léierbud“ soll einen zentralen Ort bieten, an dem Nutzer Künstliche Intelligenz durch interaktive Tools, Bildungsressourcen und Gemeinschaftsaktivitäten entdecken und verstehen können. Die Website unterstützt fünf Sprachen (Luxemburgisch, Französisch, Deutsch, Portugiesisch und Englisch), so dass auch da keine Barrieren vorhanden sind. Nutzer können in einer sicheren Umgebung erste KI-Gehversuche machen, beispielsweise zum Generieren von Bildern. 

„KI hat einen sehr großen Impact auf die Gesellschaft“, erklärt Barnig die Daseinsberechtigung seines Online-Lehrzentrums. „Alleine durch die Deepfakes weiß man heute einfach nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Damit kann man so viel manipulieren. Es ist wichtig, dass man eine gute Allgemeinbildung hat, dass man die Geschichte kennt, dass man in Biologie und eigentlich in allen Fächern ein gutes Niveau hat und dass man Dinge in Archiven nachprüfen kann. Archive werden immer wichtiger.“ Generell sieht Marco Barnig die Entwicklung aber positiv. „Wenn die Menschen an sich vernünftig und gut sind, dann werden die Roboter und die KI auch nicht schlecht“

Von Robotern und internationaler Zusammenarbeit

Während dem Foto-Termin dient Sonys kleiner Roboterhund AIBO als Requisite, aber Marco Barnig hat als Technik-Enthusiast natürlich auch ein großes Interesse an der Robotik. Als eine ferne Zukunftsvision sieht er dies allerdings nicht. „In fünf Jahren haben wir in vielen Haushalten Roboter“, ist sich der Luxemburger sicher. „Ich hoffe, dass ich das noch erlebe.“ 

Schon aktuell gebe es die ersten Exemplare zu bestellen. „Das Perfide daran ist, dass diese Roboter erst noch trainiert werden müssen, und zwar von Menschen, die mit einer 3D-Brille in Billiglohnländern sitzen und von dort die Maschinen durch die Haushalte der Kunden steuern und ihnen beibringen, dort mit allem zu interagieren.“ Dies sei aktuell die einzige Methode, wie man die Roboter trainieren könne. „Das kann man dann verfielfältigen, das ist ja auch bei der KI das Schöne. Das ist der große Vorteil gegenüber dem Menschen. Uns kann man nicht so eben mal updaten.“

Im Hinblick auf die Konkurrenzsituation zwischen den USA und Europa und etwaigem Nachholbedarf im Tech-Bereich auf dem alten Kontinent, beruhigt Barnig: „Der Trump wird ja nicht ewig da sein. Das Thema ist so komplex, dass man es besser hat, wenn man weltweit zusammenarbeitet und nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht.. Die besten Produkte kommen oft aus anderen Ländern. Sogar das beste Produkt für luxemburgische Sprache kommt nicht aus Europa, sondern von DeepSeek aus China.“